Habe ich eine Essstörung?: Saftkur und Co. - Wenn der Ernährungs-Trend in die Essstörung umschlägt

Heilfasten, Protein-Fasten oder eine teure Saftkur - bei Instagram und Co. werden stetig die neuesten "Abnehm"- und Ernährungs-Trends propagiert. Ernährungsmediziner Dr. Mathias Riedl sieht diese Bewegung als besonders kritisch.

Von news.de-Redakteurin - Uhr

Eine Essstörung kann durch Social Media durchaus begünstigt werden. (Foto) Suche
Eine Essstörung kann durch Social Media durchaus begünstigt werden. Bild: Adobe Stock/ChayTee
  • Die Rolle von Social Media bei der Entstehung von Essstörungen
  • Saft-Kuren, Fasten und Co.: Warum diese Trends so beliebt sind
  • Dr. Matthias Riedl mahnt zur kritischen Auseinandersetzung mit Social Media
  • Erste Anzeichen einer Essstörung
  • Wo Betroffene Hilfe bekommen

Gerade zu Jahresbeginn nach den Feiertagen scheinen Themen rund um die Ernährung allgegenwärtig. Social-Media quillt nahezu über mit Berichten von "gesunden" Saft-Kuren, Protein-Fasten, Intervall-Fasten und Co. Dabei birgt der gut gemeinte Rat eines so manchen Influencers jedoch ernste Folgen.

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Laut einer Studie nehmen Deutsche über die Weihnachtsfeiertage im internationalen Vergleich mit Ländern wie den USA oder Japan besonders stark zu. Mit rund 0,6 Prozent liegt Deutschland sogar noch vor den USA - dem Land, das häufig als "Ursprung der Fettleibigkeit" bezeichnet wird. Besonders schnell jedoch, wie das Gewicht über die Feiertage heran gefressen wurde, soll es anschließend auch wieder schwinden. Die Folge: Bei Social Media, auf Magazin-Covern und in Zeitschriften dominieren die neuesten "Abnehm"-Trends, Diättipps und gut gemeinte Ratschläge. Eigentlich doch gar nicht verkehrt, sich mit der eigenen Ernährung auseinanderzusetzen, oder? Denn schließlich gilt Übergewicht als eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen, die vor allem durch die Corona-Krise im Laufe der Jahre sogar noch größer wurde.

Kritische Auseinandersetzung mit Ernährungstrends bei Social Media

Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl weiß jedoch auch um die Gefahren, die "Ernährungs-Trends" vor allem bei Social Media bergen. Wer sich nicht kritisch mit den Inhalten auseinandersetzt, könnte durchaus Gefahr laufen, in eine Essstörung zu rutschen.

"Das ganze Umfeld bei Social Media ist für Menschen zur Neigung einer Essstörung durchaus förderlich", erklärt der "Ernährungs-Doc", der seit Jahren im "Medicum Hamburg" Patient:innen zu einer gesunden Lebensweise verhilft. Er ist sich sicher: So wie das Thema "Ernährung" in der Öffentlichkeit - vor allem bei Social Media - wahrgenommen wird, ist die Gefahr, in ein gestörtes Essverhalten zu rutschen, in jedem Fall präsent.

Ernährungstipps bei Social Media: Selbstoptimierung um jeden Preis?

Aber warum ist das eigentlich so? Es ginge in den sozialen Netzwerken größtenteils gar nicht so sehr darum, ein gesundes Essverhalten zu etablieren, sondern vielmehr darum, "Essen zu instrumentalisieren, um sich selbst zu optimieren", formuliert Dr. Riedl es einmal vorsichtig. Anders gesagt: Selbstdarstellung und das Streben nach einem äußerlichen Ideal um jeden Preis gilt als oberste Maxime, das Ergebnis zählt, nicht der Weg. Sei es nun Protein-Fasten, die teure Saft-Kur oder aber der vor Jahren aufgeploppte Keto-Trend. Das Grundprinzip, welches dahinter steckt, sei immer der Wunsch, dass beim Thema Ernährung alles so einfach und schnell wie möglich sein muss.

Fasten-Trends im Netz nicht per se schlecht

Dennoch gilt nicht jeder Ernährungstrend, der durch das Netz geistert, per se als schlecht. Fasten zum Beispiel - sei es das sogenannte Heilfasten oder auch Intervall-Fasten - habe nachweislich durchaus seine Vorteile und sei Teil einer "artgerechten Ernährung". "Wir brauchen entwicklungstechnisch gesehen auch das 'Hungern'", erklärt Dr. Matthias Riedl. Pausen zwischen den Mahlzeiten sind daher sogar gut für uns. Abhungern bis zum perfekten Ideal und um jeden Preis sollte man sich dennoch nicht.

"Alles rund um das Thema Ernährung wird hier in Deutschland fast pseudoreligiös behandelt", erklärt Dr. Riedl noch einmal genauer. "Es ist eine Liste von Geboten und Verboten." So werde die Ernährung wahrgenommen.

Essstörung dank Instagram und Co.: Das sind die Gefahren

Besonders schwierig wird es dann für diejenigen, die aufgrund solch starrer Regelungen ein prekäres Verhältnis zu ihrem Körper entwickeln. "Vermeintliche Regeln von Außen bergen immer die Gefahr einer Essstörung", erläutert der Mediziner. Aber wie erkenne ich, ob das Essverhalten und die eigene Selbstwahrnehmung gestört sind?

Erste Anzeichen einer Essstörung richtig erkennen

Bei diesen Anzeichen empfiehlt es sich, eine:n Expert:in hinzuzuziehen:

wenn...

  • ... die Gedanken stetig um das Essen kreisen.
  • ... das Thema Essen während der Arbeit oder beim Sozialverhalten stark einschränkt.
  • ... Stimmungsschwankungen abhängig vom Essen gehäuft auftreten.
  • ... der Körper sich gegen zu wenig oder zu viel Nahrungsaufnahme wehrt.

Das eigentliche Problem sei jedoch, dass häufig Betroffene gar nicht realisieren, dass sie ein ungesundes Essverhalten entwickeln. "Es ist ganz schwierig, es selbst zu erkennen." Es komme zu einer "Realitätsverschiebung der Betroffenen", erklärt der Ernährungs-Doc noch einmal eingehender. Man werde "Opfer seiner eigenen Psyche".

Artgerechte Ernährung statt "Diäten" mit strengen Regelungen

Ein gesundes Essverhalten hingegen zeichne sich darin aus, dass man sich "artgerecht" ernährt, es keine Verbote gibt und das eigene Essverhalten dennoch individuell und voller Freiheiten ist. Wie das genau geht, beschreibt Dr. Riedl unter anderem in zahlreichen Podcast-Folgen und in seinen Büchern, es zeigt sich aber auch in seiner Arbeit als Teil der NDR-Sendung "Die Ernährungs-Docs".

In der NDR-Sendung "Die Ernährungs-Docs" verhilft Dr. Matthias Riedl Patient:innen zu einem gesunden Essverhalten. (Foto) Suche
In der NDR-Sendung "Die Ernährungs-Docs" verhilft Dr. Matthias Riedl Patient:innen zu einem gesunden Essverhalten. Bild: NDR/Claudia Timman

Von schnellen Abnehmerfolgen, die durch Influencer und Fitness-Trainer bei Social Media versprochen werden, nimmt der Mediziner nachdrücklich Abstand. "Niemand von denen hat Erfahrung in der Therapie von übergewichtigen Menschen", so Dr. Riedl. Bei Personen, die zudem noch teure Produkte wie Nahrungsergänzungsmittel, Chunky Flavours oder Protein-Shakes bewerben, müsse man ohnehin immer die Glaubwürdigkeit hinterfragen.

Ein Positiv-Beispiel bei Social-Media: Auch die "Ernährungs-Docs" sind hier aktiv und posten und teilen regelmäßig Rezepte und medizinisch fundierte Erfahrungen im Umgang mit dem Essen.

Magersucht und Co. in Zeiten von Social Media

Studien-Daten belegen: Die Zahl der Patient:innen mit Essstörungen ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Während 2018 insgesamt 10.622 Patient:innen mit einer Essstörung diagnostiziert und klinisch behandelt wurden, sind es 2022 bereits 12.948 Patient:innen. Hauptbetroffene sind dabei Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis 17 Jahren - genau die Zielgruppe, die bei Social Media besonders aktiv ist.

"Instarexie" - Wenn Selbstoptimierung zur Krankheit wird

Vor einigen Jahren wurde der Begriff "Instarexie" geprägt. Eine Wortneuschöpfung aus den Begriffen "Instagram" und "Anorexie" (Magersucht). "Instarexie" steht für das wahnhafte Nacheifern von Social-Media-Idealen, die zu immer mehr Diäten bis hin zur Essstörung führen. In der NDR-Talkshow "Deep und deutlich" berichtet Influencer Lena Glams über die verheerenden Folgen von "Instarexie". Die 18-Jährige hat bereits in ihren jungen Jahren nicht nur eine gestörte Selbstwahrnehmung entwickelt, sondern auch zahlreiche Schönheitsoperationen über sich ergehen lassen. Der Grund: Sie wollte besser bei Social Media ankommen. Heute bereut sie die Eingriffe. "Ich hatte noch nie so ein starkes Selbstbewusstsein. Der Körper war das Problem", erklärt die 18-Jährige. Und wie ihr ergeht es vielen Heranwachsenden, die sich von Social Media in ihrer Wahrnehmung gefährlich beeinflussen lassen.

Hilfe bei Essstörungen im Netz

Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl empfiehlt, sich nicht zu spät um Hilfe zu bemühen. Eine Ernährungsberatung in Kombination mit einer Ernährungstherapie wird in der Regel mit bis zu 70 bis 90 Prozent von der Krankenkasse bezuschusst. Hilfe finden Betroffene unter anderem beim Bund deutscher Ernährungsmediziner.

Buchtipp: Riedl, M. (2019). Artgerechte Ernährung: Heilung für Beschwerden, die Ärzte ratlos machen. Gräfe und Unzer Verlag.

Quellen:

  • Interview Dr. Matthias Riedl
  • Helander, E. E., Wansink, B., & Chieh, A. (2016). Weight Gain over the Holidays in Three Countries. New England Journal of Medicine, 375(12), 1200–1202. https://doi.org/10.1056/NEJMc1602012
  • Statistisches Bundesamt. (2024). Anzahl der in deutschen Krankenhäusern vollstationär behandelten Fälle von Essstörungen in den Jahren 2000 bis 2022. In Statista. Abgerufen am 22. Januar 2025
  • Belli, A., & Mertz, A. (Moderatoren). (2025, 18. Januar). Die tödlichste Schönheits-OP der Welt – Lena Glams im Talk [Video]. deep und deutlich, NDR.

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